Mennekes: Dieser Stecker steckt in fast jedem E-Auto in Europa
Ein sauerländisches Familienunternehmen ist Weltmarktführer im Bereich der Industriestecker. Doch mittlerweile will es mit E-Auto-Ladesteckern das Stromnetz revolutionieren. Kann das gut gehen? Es ist ein Tag im Februar 2011, als Walter Mennekes sein Unternehmen unweigerlich mit der Geschichte der Elektromobilität verbinden wird. Der damals 64-Jährige und sein Kollege Voker Lazzaro schieben eine Sackkarre durch die Eingangstür der EU-Kommission in Brüssel . Darauf stehen ein rechteckiger Kasten und ein umgebautes Bobbycar mit einer Ladebuchse. Als die beiden durch das Sicherheitstor der Einlasskontrolle gehen, blinken die roten Alarmleuchten auf, die Sicherheitsmitarbeiter schauen verwirrt auf die Sauerländer und ihr Gepäck. Was soll das denn? Doch sie lassen den Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens durch. Er und Lazzaro haben schließlich einen Termin bei Antonio Tajani, dem damaligen EU-Kommissar für Industrie, und wer will sich schon dessen Anordnung widersetzen? Es geht an dem Tag um nichts weniger als die Frage, wie der Ladestecker für E-Autos in der EU aussehen soll. Zur Auswahl stehen neben dem deutschen System eines aus Japan und eines aus Frankreich . Das Unternehmen, das den Zuschlag bekommt, wird so einen europaweiten Standard schaffen. Die anderen werden leer ausgehen. "Schraubenkönig" über Regierung: "Das ist ja ein Drama" Nach 175 Jahren: Fahrradhersteller Böttcher ist insolvent Wie ein Bobbycar die Elektromobilität veränderte Es ist Walter Mennekes' Sohn Christopher, der diese Geschichte nun gerne erzählt. Denn die Aktion mit der Sackkarre klappte – der zum Ladesystem gehörige Stecker, den Walter Mennekes damals präsentierte, wurde 2014 zur EU-Norm. Wann immer also heute jemand in Europa sein E-Auto laden möchte, nutzt er damit eine Technologie, die seine Firma erfunden hat. Ab diesem Moment sah es lange so aus, als könne den Siegeszug des Unternehmens nichts mehr aufhalten. Der Umsatz wuchs nach Angaben von Mennekes um 150 Prozent, von 120 Millionen Euro im Jahr 2014 auf fast 300 Millionen Euro im Jahr 2022. Dabei ist das Unternehmen auf 1.600 Mitarbeiter gewachsen, 1.100 von ihnen arbeiten in Deutschland. Doch der Markt für Elektroautos hat sich in den vergangenen Jahren wechselhaft entwickelt. Nach einem deutlichen Einbruch 2024 ziehen die Neuzulassungen inzwischen wieder an. Christopher Mennekes steht daher vor der Frage: Wie machen wir weiter? Mit einem einfachen Trick zum Weltmarktführer Das Familienunternehmen Mennekes aus Kirchhundem im Sauerland ist eigentlich Weltmarktführer in einem anderen Bereich. Vor der Zeit der E-Autos drehte sich alles um Industriesteckvorrichtungen. Industriestecker leiten Starkstrom und finden sich auf Campingplätzen, in Fabriken oder auf Schiffen. Noch heute bilden die Industriestecker rund die Hälfte des Geschäfts. Das Unternehmen vertreibt sie in über 90 Ländern, auf jedem Kontinent. Es gibt da also zwei Möglichkeiten für Mennekes: Noch stärker auf die Elektromobilität setzen oder sich auf Industriestecker konzentrieren. Bei der ersten Möglichkeit, den Industriesteckern, verzeichnet Mennekes ein Portfolio von 15.000 Produkten und ist nach Ansicht des Geschäftsführers schon lange kein "hidden Champion" mehr. "Spätestens seit der Entwicklung des Typ 2-Ladesystems für Elektromobilität sind wir international bekannt", sagt er. Dazu bediente sich Walter Mennekes eines Tricks: Er schrieb seinen Namen auf jeden Stecker. Alle anderen Unternehmen hatten laut Mennekes lediglich die Bezeichnung "CEE-Norm", "CEE-Typ" oder gar nichts auf den Steckern stehen. Zudem entwickelte die Firma unter Walter Mennekes ein Modul, das in einem Produkt mehrere Steckverbindungstypen vereint. "So muss der Monteur statt etwa sechs Einzel-Steckdosen nur noch einen Verteilerkasten mit sechs Steckdosen anschließen", sagt Christopher Mennekes. Der Einbruch bei E-Autos trifft auch Mennekes Zwar investiert Mennekes weiterhin in die Produktion der Industriestecker und bringt auch dort neue Produkte heraus. Doch die großen Sprünge geht das Unternehmen in der "neuen Welt", im Bereich der E-Ladesysteme. Erst dieses Jahr kaufte Mennekes die Rechte an den Schnellladesystemen des Münchner Start-ups Charge-V. Doch ausgerechnet das E-Auto-Geschäft hat in den vergangenen Jahren einen Rückschlag erlebt. "In den letzten Jahren ging es mit der Elektromobilität stetig bergauf, auch bedingt durch entsprechende Förderprogramme", sagt Christopher Mennekes. Doch dann beendete die damalige Bundesregierung im Dezember 2023 abrupt den Umweltbonus für Elektroautos. Die Folgen zeigten sich im darauffolgenden Jahr: 2024 gingen die Neuzulassungen rein batterieelektrischer Autos in Deutschland um 27,4 Prozent zurück, wie das Kraftfahrt-Bundesamt meldete. Für Mennekes bedeutete das: weniger Kunden, die Ladekabel oder Ladesäulen kaufen. Die EU und Deutschland sind im Bereich der Mobilität für das Unternehmen die wichtigsten Märkte. Schwankungen hier treffen Mennekes unmittelbar, und auf dem größten Markt für E-Autos in China Fuß zu fassen, schafft das Unternehmen nicht. "Wir haben versucht, in den chinesischen Markt einzusteigen, was allerdings auch aufgrund der massiven Konkurrenz von großen Staatskonzernen nicht zielführend war", sagt Christopher Mennekes. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Chinesen setzen auf einen anderen Stecker-Typ. Der Geschäftsführer denkt aber gar nicht daran, von der E-Mobilität wieder abzulassen. "Wir sind seit 17 Jahren im Bereich der Elektromobilität tätig, und auch wenn es immer noch Stimmen gibt, die über E-Fuels sprechen, ist das E-Auto die Zukunftstechnologie", sagt Mennekes. Großer ADAC-Kostencheck: Das ist Deutschlands günstigstes Elektroauto So will Mennekes der Konkurrenz aus China trotzen Die Zukunft sieht Mennekes hierbei nicht nur in einem Stecker, sondern im gesamten Bereich des Themas Laden. Durch die Zusammenarbeit mit anderen Firmen will das Unternehmen attraktiver werden. Auch in Konkurrenz zu billigeren Ladesteckern aus China, die auf den europäischen Markt schwemmen. Mennekes ist unter anderem dem Planungstool Simaris von Siemens beigetreten. Das Programm hilft beispielsweise Unternehmen, die auf ihrem Firmengelände eine Ladeinfrastruktur bauen wollen, bei der Erstellung eines vernetzten Ladesystems. Zudem hat Mennekes gemeinsam mit dem Stromanbieter Rheinenergie und dem IT-Unternehmen Powercloud das Joint Venture Chargecloud gegründet. Das Programm übernimmt die Koordination von Stromanbietern und die Abrechnungen der Ladeinfrastruktur. So kann ein Angestellter sein E-Auto zu Hause aufladen, und der Strom wird dennoch über die Firma abgerechnet. Den Wettbewerbsvorteil sieht Mennekes gegenüber günstigeren Alternativen aus China darin, dass "wir dem Kunden nicht nur die Hardware in Form des Steckers liefern, sondern auch die Software für die Ladeinfrastruktur und damit ein Komplettpaket anbieten". Wenn das Elektroauto zum Stromspeicher wird Wenn er auf die gesamte Elektrifizierung Deutschlands blickt, sieht Mennekes noch größeres Potenzial für seine Ladeprodukte. Durch die Umstellung auf erneuerbare Energien steht Deutschland mit anderen Ländern vor der Frage, wie Strom für Zeiten gespeichert werden kann, in denen die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Dabei sind auch E-Autos als mögliche Energiespeicher in der Diskussion. Autos stehen durchschnittlich 23 Stunden am Tag still. In dieser Zeit könnten sie Strom speichern und, wenn benötigt, wieder abgeben. Das wird laut Mennekes die Zukunft sein. Dass Mennekes mit seiner Einschätzung richtigliegen könnte, zeigen auch die jüngsten Zulassungszahlen. Zwar wird in Europa wieder über das Datum des Verbrenner-Aus diskutiert. Doch zugleich bringen chinesische Hersteller immer günstigere Elektroautos auf den Markt, während auch deutsche Autobauer wie VW ihre Modellpalette um preiswertere Fahrzeuge erweitern. Nach dem Einbruch im Jahr 2024 hat sich der deutsche Elektroautomarkt inzwischen deutlich erholt. Im September 2026 wurden nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts 88.599 rein batterieelektrische Pkw neu zugelassen. Ihr Anteil an sämtlichen Neuzulassungen lag damit bei 34,5 Prozent – mehr als jeder dritte Neuwagen fuhr ausschließlich elektrisch. Zusätzlichen Schub bringt ein neues Förderprogramm der Bundesregierung, das inzwischen angelaufen ist. Seit Mai können Privatpersonen beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) Zuschüsse für den Kauf oder das Leasing neuer Elektroautos beantragen. Die Förderung gilt rückwirkend für Fahrzeuge, die seit dem 1. Januar 2026 erstmals zugelassen wurden. Am Standort im beschaulichen Kirchhundem hat Mennekes bereits drei neue Gebäude errichtet, sie sind umringt von E-Ladesäulen. Mennekes rechnet also weiter mit ordentlichem Wachstum.
