24 Stunden nett: Was passiert, wenn man einen Tag lang nur freundlich ist?
Der Selbstversuch zwischen Bonbons und Börek zeigt, wie ungewohnt es sein kann, ganz bewusst freundlich zu sein. Wie bin ich da nur hineingeraten? 24 Stunden besonders nett sein. Klar, kann man mal machen – denn schließlich bin ich ja nett. Von Haus aus. Meistens jedenfalls. Weil's schöner ist als das, was die harten, selbsternannten Lebensprofis sagen: Du musst ein Arschloch sein! War Quatsch, bleibt Quatsch. Doch viele Menschen in Deutschland haben den Eindruck, dass der Umgang miteinander rauer wird und die Rücksichtnahme schwindet. Eine repräsentative Insa-Umfrage im Auftrag von t-online zeigt: 82 Prozent der Befragten glauben, dass anständiges Verhalten in Deutschland abnimmt. Gleichzeitig halten 88 Prozent Anstand weiterhin für wichtig ( hier lesen Sie die ausführliche Auswertung ). Doch nur zu klagen und nichts zu ändern, ist mir zu einfach. Ich wage also einen Selbstversuch: Aber ganz besonders nett – wie soll das gehen? Der Wecker wirft mich hinein ins Experiment – und der Anfang ist doch schon mal nicht schlecht: Den ersten Fremden, den ich treffe, wasche ich gleich. Der Kerl da im Spiegel kann's gebrauchen, scheint mir. Die erste gute Tat also geschafft, den Kaffee auch. Besonders nett ... Die AfD in Sachsen-Anhalt hat nur knapp die absolute Mehrheit verpasst. Putin und Trump regieren die Welt zuschanden; die Künstliche Intelligenz beginnt schon jetzt mit dem Ausspähen von Bürgerdaten; unsere Stadt versinkt im Verkehrschaos, und die Zeitung war auch nicht im Briefkasten. Aber halt ... besonders nett soll es sein! Soll ich sein. "Fatter Teresa" strengt sich an Ich denke an "Fatter Teresa", die legendäre Gestalt aus der "Harald Schmidt Show" der späten 90er-Jahre: "Fatter Teresa" hat eine berühmte Zwillingsschwester, und er trägt ihre alten Sachen auf. Im weiß-blauen Sari von Mutter Teresa versucht er also, einer alten Dame die Einkaufstüten über die Straße zu tragen, aber: "Die sind ja scheißeschwer! Nee – das schaff' ich auch nicht." Sein schulterzuckendes Fazit: "Ich wollte helfen – aber es ging nicht ..." Hier finden Sie alle Beiträge aus dem Magazin So möchte ich nicht enden; außerdem sehe ich an diesem Morgen keine Damen mit schweren Einkaufstüten. Also fange ich kleiner an: Unkrautjäten auf dem Bürgersteig. Und weil heute ein besonderer Tag ist, mache ich den von der Nachbarin gleich mit. Das war einfach. Und es gibt mir, wenn nicht Rückenwind, so doch schon einen Hauch von Erfolg. "Bonbonbilanz: null" Also voran. Beim Gang durchs Viertel und beim Einkaufen will niemand ein Bonbon – wirklich niemand. Meine Lieblingsbonbons, Orange-Anis aus Burgund, selbst mitgebracht direkt vom Hersteller. Nicht die älteren Damen mit ihren Rollis, nicht die Verkäuferin im Supermarkt. Junge Frauen frage ich gar nicht – wie sähe das denn aus? Bonbonbilanz: null. Ich lerne: Bonbons verteilen ist schräg; zumindest vermittelt sich darüber offenbar keine Nettigkeit. Lektion Verkehr. Ich sagte ja bereits, eigentlich bin ich auch so schon nett. Aber meine Frau hat, wie immer, recht: nicht im Straßenverkehr. Also versuche ich es inmitten des Gehupes und des Feinstaubs. Beides hat zugenommen, seit eine der drei Brücken der Stadt über den Fluss von einem Tag auf den anderen gesperrt wurde. Wir wohnen direkt an der nächstgelegenen Brücke – und damit jetzt quasi im Kriegsgebiet. "Ich und nett im Straßenverkehr?" Ich muss wahnsinnig sein, aber ich setze mich ins Auto und begebe mich in den Pulk schlecht gelaunter Staufahrer. Wobei: "Fahrer" – wir stehen ja alle. Viel passiert nicht. Oft habe ich zuletzt gedacht: Es bräuchte eine Echtzeit-Uhr, die den volkswirtschaftlichen Schaden dieses Stillstands in Euro beziffert. Heute will ich aber nicht bitter sein und auch nicht aggro. Ich lasse also andere freundlich vor; ich habe ja Zeit. – Habe ich? Recht bald kann ich mir eingestehen: Irgendwie bin ich nicht der, der da gerade wieder jemanden reinwinkt; macht mir weder Spaß noch Freude. Andererseits: Passiert denn etwas Schlimmes? Wie viel Zeit verliere ich gegenüber sonst? Vier Minuten? Sieben Minuten? Wahrscheinlich weniger. Trotzdem: Verkehr, nett und ich? No match – das passt nicht. Aber immerhin: nice try, ein netter Versuch. Ein Mädchen-Papa unter Schuljungs Am Nachmittag greife ich wieder an, im Bus. Ich bin ein Mädchen-Papa. Bei Jungs tue ich mich schwer, ganz besonders im öffentlichen Personennahverkehr und vor allem nach Schulschluss: so wüst und überenergetisch, so sinnlos laut und ohne jede Art von Disziplin. Aber was mache ich bloß dagegen? Ein Bonbon vielleicht? Nein! Lernt man doch selbst schon als kleiner Drops: von Fremden nichts annehmen; nie. Meckern? Nein! Ein Gespräch aufzwingen? Bloß nicht. Bleibt nur, sinnfrei zu grinsen, obwohl mir keineswegs freundlich zumute ist. Bilanz: Ich werte das als klare Niederlage im Sinne des Projekts; versucht, aber heillos gescheitert. Nun werden andere Saiten aufgezogen: rein in die Bäckerei, fünf Spinat-Böreks in separaten Tüten, bitte. Nachdem schon am Morgen unser Supermarkt-Bettler nicht da gewesen ist, um freundlich die Tür aufzuhalten, sitzen auch am Hauptbahnhof heute eher weniger Obdachlose als sonst. Als hätten sie es geahnt. Spinat-Gabe am Nachmittag Die Reaktionen auf meine Spinat-Gabe sind unterschiedlich. Zwei sagen ein mattes "Danke"; sie schauen kaum auf, sind offenbar ziemlich derangiert am Nachmittag. Der Dritte strahlt mich an, ruft "hey!" und wünscht mir einen schönen Tag. Als ich kurz darauf noch mal mit dem Rad an ihm vorbeifahre, hält er mich an. Ich hoffe auf ein längeres Gespräch oder gar eine Botschaft; aber er fragt, ob ich nicht auch noch was zu trinken hätte. Habe ich nicht; aber es ist nicht das, was mich in dem Moment ein bisschen enttäuscht: Er hat mich nicht einmal wiedererkannt. An der Hauptkirche hält mir ein Mann, vermutlich aus dem Nahen Osten, die Tür auf – und ist überrascht, dass ich eigentlich zu ihm will. Er hat erst gar keine Hand frei, in der einen Hand die Tür und in der anderen seinen Becher für Kleingeld. Aber er bedankt sich leise und verstaut die Brottüte hinter seinem kleinen Gepäck. Eine Tüte habe ich noch; aber auch der Obdachlose im Kirchenportal unseres Viertels ist nicht zu Hause. Ich lege sie behutsam in die schattige Ecke und trolle mich. Fazit: Das war wohl sinnvoll – aber so richtig in Kontakt gekommen sind wir nicht. Beide Seiten haben vielleicht noch gefremdelt. Vielleicht ein Getränk gefällig? Auf das nächste Projekt freue ich mich: den Leuten im Dauerstau vor meiner Haustür kalte Getränke anbieten. Denen, die ich sonst immer anmaulen möchte für ihr Gehupe und ihre schlechte Laune. Tatsächlich werde ich schon wieder nichts los aus meinem Filzträger mit fünf Flaschen und einem Stapel Becher. Aber die Reaktionen machen gute Laune. Ein Mann im BMW, Bart und Sonnenbrille, legt erfreut die Hand aufs Herz und zeigt auf seine volle Cola-Flasche; aber das sei "voll nett", danke. Das ältere Ehepaar im Opel ist zunächst eher befremdet, während der "Fahrt" von der Seite angesprochen zu werden. Dann lächeln sie doch: "Wir kommen gerade von zu Hause. Aber danke!" Die Fahrerin im Lieferwagen hat einen Kaugummi – und eine Wasserflasche auf dem Beifahrersitz. Die Lass-mich-in-Ruhe-Blondine freut sich Dann der Typ Lass-mich-in-Ruhe-Blondine; hinten mit getönten Scheiben. Die erste Geste: Schulterzucken. Warum sollte sie das Fenster herunterlassen? Schließlich dann doch, aber hinten. Es zeigen sich: der Ehemann mit Kinderbuch und der kleine Sohnemann. "Kann ich Ihnen einen Saft anbieten oder ein Wasser?" – Wieder gibt's eine volle Wasserflasche an Bord. "Aber coole Idee, danke!" Jetzt hält auch die Blondinen-Mama den Daumen nach oben – und lächelt sogar. Bald neigt sich mein besonders netter Tag dem Ende. Was mache ich nun daraus? Ich könnte und wollte das nicht ständig machen. Aber manches war auch schön, hat Spaß gemacht. Mein Vorschlag: Ich bleibe nett, aber nicht ganz besonders nett. Manchmal vielleicht. Jetzt noch ein fälliger Bund Röschen für die "beste Ehefrau von allen" – Essengehen passt heute nicht –, dann hab ich mein Nettigkeitspensum für heute erfüllt. Und dann, als der "nette Feierabend" gerade beginnen soll, klingelt noch die Nachbarin: Sie hat von ihrem Urlaubsort im Norden ein Töpfchen Matjes für uns mitgebracht – "weil ihr den so gerne esst". Ich freue mich, ich danke – und denke: Vielleicht hätte sie den Artikel schreiben sollen?
