Ablenkung im Auto: Smartphone und Touchscreen schlimmer als Alkohol
Touchscreen statt Knöpfe, Messenger statt Blick auf die Straße: Ablenkung am Steuer wird nach Einschätzung von Experten deutlich unterschätzt. Ablenkung beim Autofahren spielt nach Einschätzung der Unfallforscher der Allianz bei Unfällen eine deutlich größere Rolle als bisher angenommen. In bestimmten Situationen kann sie demnach sogar gefährlicher sein als Alkohol am Steuer. Das Risiko geht dabei nicht nur vom Smartphone aus, sondern zunehmend auch vom Auto selbst. "Mindestens 30 Prozent der Unfälle sind durch Ablenkung verursacht", sagte Christian Sahr, Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT), beim "Autotag" des Unternehmens in Ismaning. In der polizeilichen Unfallursachenstatistik taucht Ablenkung dagegen nur bei rund 1,5 Prozent der Unfälle als Ursache auf. "Aber das ist eine Zahl, die nicht mit der Realität übereinstimmt", sagte Sahr. Ablenkung ist schwer nachweisbar Ein Grund für diese große Lücke: Ob ein Fahrer kurz vor einem Unfall abgelenkt war, lässt sich oft nur schwer belegen. Während Alkohol im Blut messbar ist, bleibt ein kurzer Blick aufs Display, ins Menü des Infotainmentsystems oder auf eine Nachricht häufig ohne eindeutige Spuren. Grundlage der Allianz-Einschätzung sind Computersimulationen typischer Gefahrensituationen sowie die Auswertung von rund 70 internationalen Studien. Gemeinsam mit dem auf Wahrnehmungsmodelle spezialisierten Unternehmen Cognibit berechneten die Allianz-Unfallforscher, wie stark sich das Unfallrisiko durch Ablenkung erhöht. Dabei wurden verschiedene "Fahrertypen" simuliert – von aufmerksam bis abgelenkt und alkoholisiert. Das Ergebnis: Bremst ein vorausfahrendes Auto stark ab, kommt es bei abgelenkten Fahrern in 54,3 Prozent der Fälle zu einem Auffahrunfall. Sind die Fahrer nicht abgelenkt, liegt dieser Wert bei 18,2 Prozent. Läuft ein Kind unvermittelt auf die Straße, steigt das Unfallrisiko laut Simulation von 3,9 auf 11,2 Prozent. In manchen Situationen war die Ablenkung in den Berechnungen riskanter als ein Blutalkoholwert von 0,8 Promille. "Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer", sagte Frank Sommerfeld, Chef der Allianz Sachversicherung in Deutschland. Wenn das Auto selbst ablenkt Die Unfallforscher sehen das Problem allerdings nicht allein beim Mobiltelefon. Auch die Bedienung moderner Autos könne Fahrer vom Verkehr ablenken. Gemeint ist vor allem der Trend, klassische Schalter und Knöpfe durch Touchscreens zu ersetzen. Funktionen, die früher blind oder mit einem kurzen Handgriff erreichbar waren, müssen heute teils über mehrere Menüs angewählt werden. Das hatte bereits Euro NCAP stark kritisiert und vor allem Autos aus einem Produktionsland für die komplizierte Bedienung abgestraft . "Das Thema verschärft sich, weil Ablenkung durch Design im Auto quasi verbaut ist", sagte Sahr. Die Allianz kritisiert dabei nicht grundsätzlich, dass Funktionen über Bildschirme bedient werden können. Entscheidend sei jedoch, welche Funktionen betroffen sind und wie schnell sie erreichbar bleiben. Fünf sicherheitsrelevante Funktionen sollten über physische Schalter bedienbar sein: Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnblinker und die Scheibenbelüftung. Viele greifen trotzdem zum Handy Neben der Fahrzeugbedienung bleibt das Smartphone ein zentrales Risiko. Vor allem junge Autofahrer seien gefährdet, sagte der Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn Steiger Stiftung der Deutschen Presse-Agentur. Die Handynutzung am Steuer nehme gerade in dieser Gruppe stark zu. "Meine Prognose ist, dass wir davon noch viel mehr sehen werden, weil die Digital Natives ja gerade erst am Steuer angekommen sind und die eben überhaupt keine Minute aushalten können, ohne zu gucken, ob es irgendwas Neues gegeben hat", sagte Brockmann. Je jünger und unerfahrener Autofahrer seien, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie falsch einschätzten, wann sie kurz von der Straße wegschauen könnten. Wie verbreitet die Handynutzung am Steuer ist, lässt sich nur schwer beziffern. Der Auto Club Europa (ACE) hat dazu zwischen April und Juli mehr als 300 Kontrollen an innerörtlichen Kreuzungen ausgewertet. Dabei wurde im Durchschnitt bei jedem dreißigsten kontrollierten Fahrzeug ein klar erkennbarer Smartphoneverstoß festgestellt. Das entspricht 3,3 Prozent. An einer Kreuzung in Stuttgart lag der höchste gemessene Wert bei 17,9 Prozent. Brockmann weist allerdings darauf hin, dass solche Erhebungen nur einen Teil des Problems sichtbar machen. Ein Handy am Ohr sei leichter zu erkennen als ein Smartphone, das zum Lesen oder Schreiben von Nachrichten auf dem Schoß liege. Gerade dieses Verhalten sei besonders schwer nachweisbar. Dass es in amtlichen Statistiken nur selten auftauche, bedeute deshalb nicht, dass es kaum vorkomme. Strafen nicht der entscheidende Hebel Brockmann hält höhere Strafen jedoch nicht für den entscheidenden Hebel. Mit Blick auf die Gefährlichkeit seien Verstöße gegen den sogenannten Handyparagrafen im Vergleich zu Geschwindigkeitsverstößen bereits korrekt eingeordnet. Wichtiger sei aus seiner Sicht, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Verstöße entdeckt werden. Als Beispiel nennt er sogenannte Handyblitzer, die von schräg oben fotografieren und dadurch auch Smartphones im Schoß erfassen können. Zudem setzt Brockmann auf technische Lösungen. Wenn Spracheingaben zuverlässiger würden und Textnachrichten zuverlässiger diktiert werden könnten, müssten Autofahrer seltener selbst tippen. Auch die Allianz sieht die Hersteller in der Pflicht: In gefährlichen Situationen müsse das Fahrzeug den Fahrer aktiv dabei unterstützen, seine Aufmerksamkeit wieder auf den Verkehr zu richten, etwa durch Warnungen oder durch eine eingeschränkte Bedienung des Touchscreens.
