Einspeisevergütung endet: Insolvenzen in deutscher Branche – Sorge um Jobs
Der Bundestag berät über ein Gesetz, die die Erneuerbaren-Branche verändern könnten. In der Solarwirtschaft wächst die Unsicherheit. In der Solarbranche ist man besorgt. Denn der Bundestag befasst sich gerade mit einer Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die das Geschäft von Grund auf verändern könnte. Vor allem um das Privatkundengeschäft wird gebangt – der Bereich, der in den vergangenen Jahren regelrecht boomte. Das neue EEG sieht ab 2027 keine auf 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung mehr vor. Stattdessen sollen Solarbesitzer ihren Strom über einen Direktvermarkter verkaufen müssen. Das Problem daran: In Deutschland gibt es nur eine Handvoll solcher Direktvermarkter für Privatkunden. Ob sich hierfür schnell genug ein größerer Markt bilden würde, kann niemand mit Sicherheit sagen. Solarfirmen aus Deutschland rutschen in die Insolvenz 2026 dürfte für das Privatkundengeschäft noch ein Rekordjahr sein – schließlich versuchen viele Kunden, jetzt noch schnell eine Anlage aufs Dach setzen zu lassen, um die Förderung zu erhalten. Allein im ersten Halbjahr wurden nach Angaben des Solarverbands BSW-Solar neun Prozent mehr PV-Anlagen installiert als im Vorjahreszeitraum. 2027 erwartet der Verband dann einen Einbruch bei der Nachfrage – und warnt vor dem Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Branche. In anderen Segmenten gehen die Jobs jetzt schon verloren. In den vergangenen Wochen und Monaten häuften sich die Meldungen über Insolvenzen aus der Branche: Next2Sun aus dem Saarland, EKD aus Leipzig oder auch Calor Energy aus Hamburg , um nur ein paar Beispiele zu nennen. Lars Holm, Erneuerbaren-Spezialist bei der Boston Consulting Group, fasste es im Gespräch mit der "Wirtschaftswoche" vor wenigen Wochen mit drastischen Worten zusammen: "Wenn wir so weitermachen, killen wir unsere Solarindustrie ein zweites Mal." Laut Holms Modellierung sind rund 30 Prozent der geplanten Projekte betroffen. Ende der Einspeisevergütung ab Januar – für viele sehr kurzfristig Janik Nolden, Mitgründer der Solago GmbH, eines der erfolgreichsten deutschen Solarenergie-Start-ups, sieht das genauso. "Viele müssen sich vom Markt zurückziehen. Das wird noch viele hart treffen", glaubt er. Nolden wünscht sich – wie viele in der Branche –, die Debatte wäre anders verlaufen: "Was ich gerade sehr schwierig finde: Wir haben Oktober, und ab Januar soll eine so große Branche wie die Solarbranche – mit Tausenden Arbeitsplätzen – umstrukturiert werden. Wie genau, wissen wir aber noch nicht." Würde man gerade etwas debattieren, das erst in zwei Jahren in Kraft träte, könnten sich sowohl Unternehmen als auch Kunden darauf einstellen. Bei Solago erlebe man diese Unsicherheit mittlerweile jeden Tag, sagt Nolden. "Kunden wollen wissen: 'Habt ihr Informationen? Habt ihr schon etwas gehört?' Die Menschen sind unsicher." Das sei besonders schade, weil gerade etwas abgewürgt werde, das politisch unterstützt werden sollte. "Hier wollen Menschen ihr eigenes Geld in die Energiewende investieren. Der Staat muss gar nicht so viel machen. Die Privatkunden haben Lust darauf. Sie wünschen sich nur einen politisch vorgegebenen, planbaren Weg für die nächsten Jahre." Viele Eigentümer wollen Solarstrom für sich behalten Bereits jetzt sei ein verändertes Kundenverhalten zu beobachten: Zum einen würden nun viele Solaranlagen geplant, um vor die Gesetzesänderung ab 2027 zu kommen. Zum anderen planten viele Kunden, in Zukunft möglichst wenig Solarstrom abzugeben. Sie kauften mehr und größere Speicher, um möglichst unabhängig zu werden, so Nolden. "Eine selbst verbrauchte Kilowattstunde ersetzt einen Strombezug von etwa 30 Cent. Das bringt deutlich mehr als eine eingespeiste Kilowattstunde. Dieses Verständnis ist bei Endkunden inzwischen weit verbreitet." Dasselbe beobachtet auch das Solarunternehmen enerix. Immer mehr Kunden würden einem Sprecher zufolge Batteriespeicher mit mehr Kapazitäten installieren, während die Größe der Solaranlage konstant bleibe. "Das liegt einerseits an dem erhöhten Strombedarf durch Wärmepumpe, E-Autos und weiteren Verbrauchern, aber auch daran, dass viele Kunden den Wunsch hegen, ihren Überschussstrom – auch mit Blick auf 2027 – nicht einzuspeisen, da die Vergütung nicht gesichert und der Eigenverbrauch rentabler ist", teilt der enerix-Sprecher t-online mit. Die Einspeisevergütung verliere an Bedeutung. Damit wird die Schere zwischen den Eigenheimbesitzern, die von April bis Oktober im Wesentlichen autark leben können , und jenen, die zur Miete wohnen oder keine Anlage kaufen können, immer größer. Eigentümer kaufen Wallboxen – auch ohne Elektroauto Und bei Solago stellt man noch einen weiteren Effekt fest: Viele Eigentümer kaufen mittlerweile Wallboxen, auch wenn sie keine Elektroautos haben. "Sie denken: Wenn der Handwerker sowieso da ist, um die PV-Anlage zu installieren, dann kaufe ich gleich das ganze Paket." Viele wüssten schon, dass sie in ein paar Jahren ein E-Auto kaufen werden – und sorgten schon mal vor. Damit wird schon die nächste Weiche für noch mehr Unabhängigkeit gestellt, da ein Elektroauto als Stromspeicher mit großer Kapazität dienen kann . Diese Entwicklung hat nicht nur etwas mit der bevorstehenden EEG-Novelle zu tun, sondern auch mit dem Iran-Krieg und den gestiegenen Energiepreisen. Der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit sei ein dominierendes Thema im Kundenservice, berichten beide Solarfirmen. Sowohl enerix als auch Solago haben sich in den vergangenen Jahren breiter aufgestellt, um mögliche Veränderungen und Einbrüche bei PV-Anlagen abzumildern. Beide Firmen verkaufen mittlerweile das gesamte Paket: Wärmepumpe, Wallbox , Speicher und Energiemanagementsysteme. Das sieht man auch bei anderen Firmen in dieser Branche: Zunehmend wandeln sich Solarunternehmen zu Cleantech-Firmen, die die gesamte Bandbreite der klimafreundlichen Technik anbieten. Wenn ein Geschäftsfeld schwächer läuft, stützen sich die Firmen auf andere Produkte. Diese Strategie könnte einige Solarunternehmen retten, falls es 2027 tatsächlich zum Einbruch kommt. Doch es bleibt die Frage, wie lange sie durchhalten können.
