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Sergej Barbarez: Wie eine Reise nach Hannover sein Leben veränderte

Sergej Barbarez wollte Weihnachten 1991 nur seinen Onkel in Hannover besuchen. In seiner Biografie erzählt er, warum er nie wie geplant zurückkehrte. Eine Tasche mit ein paar Kleidungsstücken, kein Visum und ein Flugticket nach Deutschland: Als Sergej Barbarez im Dezember 1991 seine Heimat Mostar verlässt, ahnt er nicht, dass dieser Abschied sein Leben verändern wird. Der damals 20-Jährige will Weihnachten und Silvester bei seinem Onkel in Hannover verbringen. Zwei Wochen Urlaub, dann soll es zurückgehen. Doch daraus wird nichts. Stattdessen beginnt in Hannover eine Fußballkarriere, die ihn später bis zum Bundesliga-Torschützenkönig und Nationaltrainer führen wird. In seiner Autobiografie "Kreisläufe – Wie ein Krieg mein Leben veränderte", die am Mittwoch (28. Oktober) erscheint, schildert Barbarez die Ereignisse von damals. Gemeinsam mit dem Hamburger Sportjournalisten Sebastian Wolff hat der frühere Spieler von Hannover 96 seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Der 21. Dezember 1991 ist ein Datum, das Barbarez nach eigenen Angaben nie vergessen wird. Wie er in seiner Autobiografie schreibt, hatte sein Vater Ljubo damals bereits einen Plan gefasst, von dem sein Sohn nur einen Teil kannte. Gemeinsam mit dessen damaliger Freundin und heutigen Ehefrau Ana fuhr er Sergej in einem alten Golf 1 von Mostar zum Flughafen Sarajevo. Die Stimmung im Auto war angespannt. Sein Vater sprach wenig. Barbarez spürte nach eigener Schilderung, dass etwas nicht stimmte, fragte aber nicht nach. Er hatte gerade seinen ersten Vertrag beim Fußballverein Velez Mostar unterschrieben und den Wehrdienst hinter sich gebracht. Dass er nicht so schnell zurückkehren würde, wusste er nicht. Barbarez erinnert sich an die Angst am Flughafen Zwei Tage musste Barbarez nach seinen Erinnerungen am Flughafen Sarajevo auf seine Abreise warten. "Wenn ich mich reindenke in diesen Tag, der mein Leben verändert hat, dann spüre ich die Hektik vom Flughafen um mich herum, die aufgeregten Menschen, die weg wollten aus unserer Heimat. Vor allem Mütter mit ihren Kindern, die nicht viel mehr bei sich hatten als ich. Aus ihren Augen sprach die Angst, aus den Kehlen der Babys kamen Schreie, die in mich eindrangen wie Sirenen. Schreie, die bis heute in meinem Kopf sind", schreibt Bararez. "Es gab fast 100.000 Todesopfer im Balkan-Krieg, zwei Millionen Menschen haben ihr Land verlassen. Ich war einer davon. Nur wusste ich das in jenem Moment noch nicht." In seiner Autobiografie beschreibt er die Situation als Mischung aus Unbehagen und Ahnungslosigkeit. Die politische und militärische Entwicklung im auseinanderbrechenden Jugoslawien hatte er damals noch nicht in ihrer ganzen Tragweite verstanden. Seine Familie vereinte unterschiedliche religiöse und ethnische Hintergründe. Die Mutter hatte kroatische und muslimische Wurzeln, der Vater war orthodoxer Serbe. Diese Unterschiede hätten innerhalb seiner Familie keine Rolle gespielt, schreibt Barbarez. "Ich erwischte tatsächlich einen der letzten Linienflüge der damaligen jugoslawischen Fluggesellschaft Jat von Sarajevo aus: Er ging ausgerechnet nach Hamburg, mein heutiges Zuhause", berichtet Barbarez in seinem Buch. Von dort führte seine Reise weiter zu seinem Onkel Mustafa, der mit seiner Frau Dunja bereits seit 1970 in Hannover lebte und als Installateur arbeitete. Ein Spaziergang durch die Eilenriede verändert alles Wie aus dem geplanten Weihnachtsbesuch eine Fußballkarriere wurde, schilderte Barbarez auch der "Neuen Presse". Besonders der 4. Januar 1992 sei ihm im Gedächtnis geblieben. An diesem Tag ging Barbarez mit seinem Onkel durch die Eilenriede spazieren. Der Weg führte zum Trainingsplatz von Hannover 96. Was Barbarez nicht wusste: Sein Onkel hatte bereits ein Probetraining organisiert. Trainer war damals Frank Pagelsdorf, der später auch bei Union Berlin, Hansa Rostock und dem Hamburger SV mit Barbarez zusammenarbeiten sollte. Der junge Bosnier spielte nach seinen Erinnerungen erstmals auf Kunstrasen. Er überzeugte und durfte bleiben. In einem Interview mit der "Welt" aus dem Jahr 2014 hatte Barbarez die Geschichte bereits ausführlich erzählt. Damals erinnerte er sich daran, dass er nach dem Probetraining eigentlich die Heimreise antreten wollte. Erst sein Onkel habe ihm erklärt, dass er in Deutschland bleiben müsse und dies mit seinem Vater abgesprochen sei. Wie die "Neue Presse" berichtet, erhielt Barbarez wenig später in der Vinnhorster Wohnung seines Onkels einen Anruf seines Vaters. Ljubo Barbarez erklärte seinem Sohn, dass der Krieg auch Mostar erreichen werde und er in Hannover bleiben müsse. Aus den geplanten zwei Wochen wurden Jahre. Seine Freundin Ana zog später nach Hannover In einem Interview mit dem Fußballmagazin "RUND", das 2006 auch von der "Zeit" veröffentlicht wurde, erinnerte sich Barbarez daran, dass er vor seiner Reise nach Deutschland noch nie länger als sieben Tage am Stück von zu Hause fortgewesen sei. Sein Vater habe ihm die Rückkehr verboten, weil er andernfalls erneut zum Militär hätte eingezogen werden können. Seine damalige Freundin Ana folgte ihm schließlich nach Hannover. Zunächst lebten beiden bei seinem Onkel. Später zogen sie in eine eigene Wohnung in der Goethestraße. Sportlich ging es für ihn bei Hannover 96 weiter. Zunächst spielte er in der Amateurmannschaft unter Pagelsdorf, später rückte er in den Profikader auf. Nach rund anderthalb Jahren verließ er den Verein und wechselte zu Union Berlin. Weitere Stationen waren Hansa Rostock, Borussia Dortmund, der Hamburger SV und Bayer Leverkusen. Bis heute besucht Barbarez regelmäßig Hannover Die Verbindung zu Hannover ist geblieben. Barbarez berichtete jüngst, dass er etwa alle drei Monate in die Stadt komme, um seine Familie zu besuchen und gemeinsam essen zu gehen. Die Stadt habe für seine persönliche Entwicklung eine große Rolle gespielt. Im Sommer 2026 führte Barbarez die Nationalmannschaft von Bosnien und Herzegowina zur Fußball-Weltmeisterschaft. Damit kehrte er als Trainer auf die internationale Fußballbühne zurück. "Ich habe 1991 mein Land Richtung Deutschland verlassen, und es klingt verrückt, weil meine Heimat so viel Leid erfahren hat, weil ich selbst heute, wenn ich unser Mannschaftshotel in Sarajevo verlasse, noch Einschusslöcher an Hausfassaden sehe – aber ich bin zu Beginn des Krieges nach Deutschland gegangen, ich habe dieser Wendung ein Leben zu verdanken, in dem ich glücklich geworden bin", schreibt er in seinem Buch. "Ich will jetzt etwas zurückgeben. Und ich spüre hier so deutlich wie nie zuvor, dass ich jetzt etwas zurückgeben kann. Wenigstens ein bisschen von dem Glück, das ich gefunden habe." Das Buch "Kreisläufe – Wie ein Krieg mein Leben veränderte" ist im Arete Verlag erschienen und kostet 20 Euro.