Jaecoo 5 im Test: Günstiges SUV aus China als Hybrid und E-Auto
Der Jaecoo 5 bringt viel Ausstattung, zwei Antriebe und eine lange Garantie mit. Im Test zeigt sich: Das Paket stimmt, die Abstimmung nicht immer. Kompakte SUVs sind für Autohersteller der Schlüssel für den Massenmarkt, doch entsprechend groß ist die Zahl der Konkurrenten im Format von VW T-Roc, Dacia Duster, Kia XCeed oder Skoda Elroq. Die Newcomermarke Jaecoo (stammt aus dem chinesischen Chery-Konzern) legt hier mit ihrem zweiten Modell nach, dem Jaecoo 5. Er soll vor allem mit einem Argument punkten: viel Auto fürs Geld. Ein Auto, zwei Antriebe Der Preis jedenfalls ist fair: Als selbst ladender Hybrid startet er bei 27.900 Euro, die Elektroversion bei 32.400 Euro. Beide Varianten teilen sich Karosserie, Innenraum und Ausstattungskonzept. Der eigentliche Unterschied liegt im Antrieb – und in ein paar Details. Optisch gibt der Jaecoo 5 den robusten Typ. Aufrechte Flächen, klare Kanten und eine hohe Front dominieren. Besonders der EV mit seiner glatten Nase erinnert nicht ganz zufällig an klassische britische SUV-Formen. Der Hybrid mit dem großen vertikalen Kühlergrill wirkt dafür präsenter. Ein praktischer Vorteil der kantigen Form: Die Übersicht ist gut. Die Front lässt sich ordentlich abschätzen, die Glasflächen sind groß, zusätzliche hintere Seitenfenster helfen beim Rangieren und Abbiegen. Außen SUV, hinten knapper als gedacht Ganz so großzügig, wie die Form verspricht, ist der Jaecoo 5 innen nicht. Vorn finden auch größere Fahrer eine passende Sitzposition, die Einstellmöglichkeiten reichen aus. Hinten wird es dagegen für ein Auto dieser Größe eher knapp, die Kniefreiheit fällt nicht üppig aus. Der Radstand liegt bei 2,62 Metern. Wer bei einem 4,38 Meter langen SUV hinten besonders luftige Verhältnisse erwartet, wird deshalb etwas geerdet. Beim Kofferraum hat der EV die besseren Karten. Er bietet laut Datenblatt 384 bis 1.284 Liter Ladevolumen und zusätzlich einen 35 Liter großen Frunk unter der vorderen Haube. Der Hybrid kommt auf 314 bis 1.214 Liter. Das ist brauchbar, aber kein Raumwunder. Im Kofferraum gibt es außerdem sechs Haken, um Dinge aufzuhängen, und eine abnehmbare Leuchte. Beide Varianten dürfen ungebremst 750 Kilogramm ziehen, die Dachlast liegt bei 75 Kilogramm. Im EV gibt es einen Haustiermodus, der die Innenraumtemperatur hält und auf dem Zentraldisplay sichtbar macht, dass die Klimaanlage läuft. Dazu kommt eine V2L-Funktion: Über einen Adapter lassen sich externe Geräte wie Wasserkocher, Kühlbox oder E-Bike-Akku mit bis zu 3,3 kW versorgen. Die Schrankwand fährt mit Im Innenraum setzt Jaecoo auf ein vertikal ausgerichtetes Layout. Das Armaturenbrett steht steil im Raum, in der Mitte sitzt ein großes Hochkantdisplay. Ein bisschen hat das den Charme einer gut ausgestatteten Schrankwand. Die Materialauswahl geht für den Preis in Ordnung. Oben gibt es unterschäumte Kunststoffe, darunter wird es härter. Dazu kommen in der getesteten Topversion blaue Ziernähte, Leisten in Carbonoptik, etwas Holzoptik und recht viel Hochglanz. Gerade diese klavierlackähnlichen Flächen sind im Alltag ein zweischneidiges Angebot: Sie wirken auf den ersten Blick ordentlich, sammeln aber Fingerabdrücke und Staub mit großem Einsatz. Die Verarbeitung macht insgesamt einen sauberen Eindruck. Nichts daran schreit nach Luxus, aber das muss es bei diesem Preis auch nicht. Jedoch sind Türablagen und Becherhalter hart ausgeführt, ohne weiche Einlagen. Schlüssel, Flaschen oder Kleinkram können dadurch schneller klappern. Auch die Beifahrergurtschnalle fiel auf, weil sie bei Karosseriebewegungen gegen die Seitenwand schlagen kann. Gut gelöst sind dagegen die beiden Handyablagen unter dem Zentraldisplay. Die induktive Ladeschale lädt mit bis zu 50 Watt, ist aktiv gekühlt und funktioniert zuverlässig. Das klingt nach einer Kleinigkeit, doch selbst deutlich etabliertere Hersteller scheitern daran. Großer Bildschirm, etwas verschachtelte Bedienung Das große Zentraldisplay ist grundsätzlich übersichtlich, wichtige Funktionen sind schnell erreichbar. Wie beim Smartphone lassen sich zusätzliche Einstellungen mit einem Wisch nach unten öffnen. Kabelloses Apple CarPlay und Android Auto sind ebenfalls an Bord. Die Bedienung hat trotzdem ihre Tücken. Unterhalb des Displays gibt es nur wenige echte Tasten, vieles läuft über den Touchscreen. Die Klimabedienung ist unten im Bildschirm zwar dauerhaft eingeblendet – aber nicht mehr, wenn Apple CarPlay aktiv ist. Dann liegt dort die CarPlay-Leiste. Wer die Temperatur ändern will, muss umständlich zurück ins Fahrzeugmenü oder die Sprachbedienung nutzen. Das Fahrerdisplay fällt recht klein aus und zeigt viele Symbole gleichzeitig. Beim ersten Kontakt wirkt es überfrachtet. Auch die Lenkradtasten sind nicht ideal: hochglänzend, leicht klickend, anfällig für Fingerabdrücke. Nett gelöst ist dagegen die Ansage der Fahrmodi. Wechselt man den Modus beim EV, sagt das Auto, welcher gerade aktiv ist. So muss man dafür nicht lange auf den Bildschirm schauen. Weniger angenehm ist eine weitere akustische Seite. Der Jaecoo 5 warnt viel und gern. Geschwindigkeitswarnungen und Hinweise auf wechselnde Tempolimits lassen sich zwar deaktivieren, doch das Grundproblem bleibt: Wenn ein Auto zu oft piept, hört man irgendwann nicht mehr richtig hin. Genau das sollte ein Warnsystem eigentlich vermeiden. Der EV fährt dezent Der Elektro-Jaecoo fährt sich zunächst so, wie man es von einem kompakten Elektro-SUV erwartet: leise, direkt, ausreichend kräftig. Die 211 PS reichen völlig. Die Fahrmodi unterscheiden sich deutlich, vor allem zwischen Eco und Standard. In den kräftigeren Einstellungen spricht der Wagen spürbar energischer an. Bei stärkerer Beschleunigung merkt man allerdings den Frontantrieb. Die Vorderräder können leicht scharren, kritisch wird das nicht. Es zeigt nur, dass Leistung, Vorderachse und Reifen nicht in jeder Situation völlig gelassen miteinander umgehen. Die Lenkung hat eine sehr ausgeprägte Mittellage. Das Lenkrad fällt spürbar in die Geradeausposition zurück, fast so, als hinge unten ein kleines Bleigewicht daran. Das nimmt dem Auto etwas Natürlichkeit. Auch die Rekuperation könnte feiner abgestimmt sein. Sie lässt sich in drei Stufen einstellen, setzt aber nicht immer so ein, wie man es intuitiv erwartet. Im mittleren Modus wird sie erst deutlich stärker, wenn man das Fahrpedal fast vollständig lupft. Dadurch lässt sich das Verzögern nicht besonders gut nach Gefühl dosieren. Gerade bei Elektroautos ist das schade, weil gute Rekuperation den Fahrfluss deutlich angenehmer machen kann. Das Fahrwerk ist ordentlich, aber kein Glanzpunkt. Auf typischen Berliner Unebenheiten wirkt der Jaecoo 5 etwas stößig. Dazu kommt das SUV-typische Sitzgefühl: Man sitzt eher auf dem Auto als in ihm. Die straff gepolsterten Sitze stützen gut, verstärken aber den Eindruck, dass Bewegungen des Aufbaus recht direkt bei den Insassen ankommen. Ab etwa 120 km/h werden Windgeräusche wahrnehmbar. Bei der kantigen Form überrascht das nicht, zumal der Antrieb umso leiser ist. Mit seiner 61-kWh-Batterie soll der Jaecoo 5 nach WLTP bis zu 402 Kilometer weit kommen. Gleichstromladen ist mit bis zu 130 kW möglich. Beim Verbrauch zeigte der Bordcomputer nach rund 40 Kilometern im EV etwa 19 kWh auf 100 Kilometer, also eine realistische Reichweite von 300 Kilometern. Jaecoo nennt nach WLTP 16,5 kWh. Der Hybrid bleibt gelassen – bis die Autobahn ruft Der Hybrid kombiniert einen 1,5-Liter-Benziner mit einem Elektromotor und kommt auf eine Systemleistung von 165 kW/224 PS. Der HEV fährt im Alltag ähnlich wie der EV, der Benziner hält sich in Ortschaften und auf Landstraßen dezent zurück. Wenn er läuft, spürt man leichte Vibrationen, aber im Stadt- und Landstraßentempo stört das kaum. Erst bei höheren Autobahngeschwindigkeiten wird der Hybrid weniger souverän. Dann wird der Benziner deutlich vernehmbar, vor allem beim Beschleunigen. Den Normverbrauch gibt Jaecoo mit 5,3 Litern auf 100 Kilometer an. Bei der Reichweite nennt der Hersteller bis zu 905 Kilometer nach WLTP. Auf der gefahrenen Strecke mit viel Landstraße, Ortsdurchfahrten und kurzer Autobahnetappe lag der Bordcomputer bei 4,2 Litern auf 100 Kilometer. Das ist ein starker Wert, auch wenn eine längere Teststrecke andere Ergebnisse bringen kann. Interessant ist ein anderer Punkt: Selbst in der Topversion verzichtet Jaecoo beim Hybrid auf ein Navigationssystem. Man verweist hier auf den Kostendruck, zumal viele Kunden ohnehin Smartphone-Navigation nutzen würden. Bei der Elektroversion sei das System zur Ladeplanung jedoch nötig. Zahlreiche Assistenten, günstige Preise Bei den Assistenzsystemen fährt der Jaecoo 5 groß auf. Laut Hersteller arbeiten elf Sensoreinheiten für 20 Assistenzfunktionen. Hilfreich ist beispielsweise die Rundumsichtdarstellung, die das Auto in seiner Umgebung zeigt. Beim Abbiegen, Rangieren und in engen Straßen bringt das tatsächlich etwas – zumal die kantige Karosserie zwar übersichtlich ist, aber dennoch Platz braucht. Viel Auto fürs Geld? Der Hybrid startet bei 27.900 Euro, der EV bei 32.400 Euro. In der Elektro-Topausstattung bleibt der Wagen bei rund 35.000 Euro. Für ein kompaktes SUV dieser Größe ist das ein starkes Angebot – ein rund zehn Zentimeter längerer, aber lange nicht so umfangreich ausgestatteter Skoda Elroq beginnt beispielsweise bei 37.890 Euro. An sichtbarer Ausstattung spart Jaecoo nicht. Schon die Basis bringt LED-Licht, Keyless-System, Zwei-Zonen-Klima, Sitz- und Lenkradheizung, kabellose Smartphone-Anbindung, Rückfahrkamera und viele Assistenten mit. Beim HEV ist sogar das Panorama-Glasdach serienmäßig, beim EV kommt es in der Exclusive-Linie dazu. Dann gibt es auch belüftete, elektrisch verstellbare Vordersitze, Rundumsichtkamera, Sony-Soundsystem, Ambientelicht und die aktiv gekühlte 50-Watt-Ladeschale. Gerade bei einer neuen Marke endet die Rechnung aber nicht beim Kaufpreis. Jaecoo versucht hier, Vertrauen über harte Zusagen aufzubauen: sieben Jahre oder 150.000 Kilometer Fahrzeuggarantie, acht Jahre oder 160.000 Kilometer auf E-Antriebskomponenten und Akku, dazu drei Jahre europaweite Pannenhilfe. Interessanter ist fast ein anderer Punkt: Die Marke verweist auf ein Ersatzteillager in Rheinland-Pfalz, das Handelspartner binnen 24 Stunden mit einem Großteil der Teile versorgen soll. Genau solche Dinge entscheiden darüber, ob "viel Auto fürs Geld" auch nach dem ersten Werkstatttermin noch gut klingt. Den Preisdruck merkt man dennoch an einigen Punkten wie der Bedienung, an verschiedenen Materialien, an der nicht ganz fein abgestimmten Lenkung, an der Rekuperation und am begrenzten Raum im Fond. Insgesamt ist der Jaecoo 5 jedoch ein pragmatisches Angebot, das viel Auto fürs Geld bietet. Wer auf einen gewissen Feinschliff verzichten kann, macht mit ihm nichts falsch.
