"Gen Z regelt"-Proteste: Nehmt sie ernst, sie haben Recht
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, als Frankreich vor zwei Wochen brannte, urlaubte ich mit der Familie gerade in Paris. Wir radelten durchs Zentrum, vorbei am Place de la République, und standen plötzlich inmitten der Proteste. Da waren sie noch friedlich, doch das änderte sich blitzschnell. Wir machten uns rasch davon. Am nächsten Tag entsetzte uns das Ausmaß der Zerstörungswut: geplünderte Läden, ausgebrannte Autos und zu Scheiterhaufen aufgetürmte Skelette von Elektrorädern prägten ganze Straßenzüge. Noch Tage danach lag ein beißender Brandgeruch in der Luft, Busse fuhren nicht, Metrostationen und Museen blieben geschlossen. Dass es in Deutschland nicht ganz so heftig werden würde, ahnte man bereits. Deutschland ist nicht Frankreich. Erstmals hatte auch hier eine Gruppe junger Menschen, die sich "Gen Z regelt" nennt, zu landesweiten Protesten für "Bildung, Gesundheit, Klimaschutz, ein bezahlbares Leben, gegen die Wehrpflicht und einen Sparkurs auf unserem Rücken" an Halloween aufgerufen. Zehntausende in fast 30 Städten folgten dem Aufruf. Allerdings deutlich weniger als erwartet. Die meisten Demonstrationen blieben friedlich. In etlichen Städten kam es dennoch zu Krawallen, teils nachdem die "Gen Z regelt"-Proteste beendet waren. Die Demonstrationen waren von der Größe her mit denen in Frankreich, in Spanien oder Italien nicht vergleichbar. Zum Glück auch das Ausmaß der Gewalt nicht. Das mag daran liegen, dass sich die Rahmenbedingungen für einige der Anliegen dann doch unterscheiden. In Frankreich liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 20 Prozent, in Spanien gar bei 22, in Italien bei fast 18 Prozent. In Deutschland bei etwa 7 Prozent. Es dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben, dass im Vorfeld über unklare Zuständigkeiten der Organisatoren berichtet wurde und sich unter anderem die Bundesschülerkonferenz deswegen von den Protesten distanziert hatte. Was sich gleicht: wie leicht friedliche Proteste unterwandert werden und wie schnell sie in Gewalt ausarten. In Deutschland waren es vor allem Linksextreme, aber auch pro-palästinensische Aktivisten, die zusammen mit so manchem Mitläufer Polizisten attackierten und Mülltonnen anzündeten, in Frankfurt sogar Läden plünderten. Der Jugend und ihrem Anliegen haben sie damit einen Bärendienst erwiesen. Ihre Gewalt lenkt davon ab, dass von Madrid über Rom bis Berlin die friedlich Protestierenden auch etwas Entscheidendes, etwas sehr Legitimes eint: die Sorge, dass die Regierenden ihre Zukunft verspielen: "Wohin wir auch schauen, sehen wir Krisen und kaum eine Perspektive für uns", kritisiert die "Gen Z regelt"-Initiative. Und sie haben ja recht: Autokratisch Regierenden in Ost wie West ist die Zukunft der Jugend egal. Trump führt in Nahost einen Krieg, der die Wirtschaft weltweit schwer belastet und der bald weiter eskalieren könnte. Putin macht keine Anstalten, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden. Die Tech-Eliten warnen vor ihren KI-Produkten, entwickeln sie aus Profitgier trotzdem gnadenlos weiter. Und für sie alle spielt das drängendste Zukunftsthema, der sich beschleunigende Klimawandel, keinerlei Rolle. Im Gegenteil: Sie heizen ihn mit ihrem Handeln weiter an. Natürlich kann man nun fragen: Warum richten sich die Proteste dann nicht gegen diese Verantwortlichen? Warum finden die Massenproteste nicht vor den Botschaften Russlands oder der USA statt? Weil auch die heimischen Regierungen der Jugend nicht das Gefühl geben, ihre Sorgen ernst zu nehmen. Die Politik, so ihr Eindruck, nutze sie nur: als Soldaten, als Pflegekräfte oder Rentenbeitragszahler. Eine sogenannte Zeitenwende wurde für die Bundeswehr eingeläutet. Milliardensummen werden auf Pump in Rüstung gesteckt. Junge Männer sollen wieder Wehrdienst leisten – das alles war notwendig wegen Putin, wegen Trump. Doch kann man es jungen Menschen verdenken, wenn sie den Eindruck haben, ihre Interessen spielten dabei kaum eine Rolle? Dabei sind sie es, die für all das zahlen werden: sei es mit ihrem Leben oder mit ihrer Arbeitskraft, wenn sie dereinst die Schulden abtragen müssen. Doch was bekommen sie dafür zurück? Unterrichtsausfall, Lehrermangel und marode Schulgebäude. Investitionen in Bildung, in ihre persönliche Zukunft also, stagnieren seit Jahren. Gleichzeitig hängt der schulische Erfolg extrem stark vom Elternhaus ab – viel stärker als beispielsweise noch in den 1980er-Jahren, als ich zur Schule ging. Deutschland liegt unter dem OECD-Durchschnitt bei den Bildungsinvestitionen gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Die Schere bei der Bildungsgerechtigkeit geht immer weiter auseinander. Kein Wunder also, dass deutsche Schüler in der diesjährigen Pisa-Studie so schlecht abschnitten wie noch nie . Wo also bleibt die Zeitenwende in der Bildung? Wo die Antwort auf die KI-Revolution, die bereits in vollem Gange ist? Während in China der Umgang mit KI längst Pflichtfach an Grund- und Mittelschulen ist, ist es hierzulande immer noch eher Glückssache, ob die Funktionsweise von KI und ihre verantwortungsvolle Anwendung im Unterricht behandelt werden. Auch im Kampf gegen den Klimawandel bleibt eine Zeitenwende aus. Schlimmer noch: Deutschland engagiert sich an vorderster Stelle beim Aufweichen des EU-weiten Verbrenner-Aus . Und die Gesetze, die Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in diesem Monat vom Bundestag beschließen lassen will, drohen die Energiewende beim Ausbau der Solar- und Windkraft eher auszubremsen als voranzutreiben . Der Netzausbau stagniert, während die Emissionen beim Verkehr und bei Gebäuden immer noch viel zu hoch sind. Das sind nur einige Beispiele, die erklären, warum viele junge Menschen sich um ihre Zukunft sorgen. Warum sie sich zu wenig gehört fühlen. Wer nun wieder nur auf diejenigen schaut, die die Demonstrationen gewaltsam missbraucht haben, wie es so mancher Politiker tut, sollte sich stattdessen fragen, wie er eine bessere, generationengerechte Politik für die Jugend macht. Wie er die breite, friedliche Masse der Protestierenden anspricht und ja, vielleicht sogar dafür gewinnt, nicht nur auf die Straße zu gehen, sondern sich auch politisch zu engagieren. Denn unpolitisch , das zeigen die Demonstrationen, das zeigen mir auch die Gespräche beim Frühstück und am Abendbrottisch, ist diese Jugend wahrlich nicht. Und das ist doch mal eine gute Nachricht. Koalitionsverhandlungen in Berlin Die Linke gegen den Rest der Welt Als kognitive Dissonanz bezeichnet die Psychologie einen Zustand , in dem Informationen und Fakten ausgeblendet werden, wenn sie nicht zu den eigenen Überzeugungen passen. In einem solchen Zustand befindet sich offenbar die Linkspartei in Berlin . Am Samstag stimmte sie bei einem Parteitag mit breiter Mehrheit für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Vor allem aber stellten sich die Delegierten geschlossen hinter ihre Spitzenkandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, Elif Eralp. Auf deren Kritiker in Medien und Politik starteten sie einen Gegenangriff, wie meine Kollegin Camilla Kohrs berichtet. Kein Wort zum parteiinternen Widerspruch: Eralp und ihre Familie fühlen sich offenbar bedroht von pro-palästinensischen Aktivisten wie Ibrahim Ibrahim, was der "Spiegel" in der vergangenen Woche aufgedeckt hatte . Dieser steht nachweislich Terrororganisationen wie der Hamas nahe und betreibt Propaganda für sie. Gleichzeitig sympathisieren mit ihm Teile der Linken und treten gemeinsam mit ihm auf. Stattdessen viel Solidarität für Eralp und Verharren in der ideologischen Wagenburg: Ersteres ist nachvollziehbar. Denn ja, es ist erschreckend, wenn die Bedrohung so groß ist, dass Eralp sogar beim Parteitag unter besonderem Polizeischutz stand. Das andere weniger. Die Feinde im Inneren der Partei und ihre Verantwortung für die Misere waren kein Thema, sondern vor allem die bösen Medien und das Großkapital. Die hätten sich gemeinsam gegen die Linke verschworen und kritisierten die Partei nur deshalb so heftig, weil sie für bezahlbare Mieten Wohnungen vergesellschaften will. Das Motto: wir gegen den Rest der Welt. Unterdessen demonstrierte vor der Halle die umstrittene Linken-Abgeordnete Vanessa Emde , die das Existenzrecht Israels nicht anerkennen will. Offen solidarisierte sie sich dort mit Ibrahim und sprach von rassistischer Hetze. Richtig gelesen: mit ebenjenem Ibrahim, vor dem Eralp und ihre Familie sich fürchten. Verrückter geht es kaum. Eralp und die Berliner Linkenspitze halten Emdes Positionen zwar "für nicht vereinbar mit den Grundsätzen der Partei", haben es aber bislang nicht geschafft, sie aus der Fraktion auszuschließen. Die Entscheidung darüber wurde vergangenen Dienstag erneut vertagt. Wer Eralp diesbezüglich Führungsschwäche vorwirft, wird dann aber als frauenfeindlich beschimpft. Der Sozialpsychologe Leon Festinger , der das Konzept der kognitiven Dissonanz prägte, hätte seine wahre Freude an der Partei. Doch auch SPD und Grüne in Berlin verweigern sich der Realität. Sie halten die Linke nach wie vor für regierungsfähig. Heute beginnen die Koalitionsverhandlungen der drei Parteien. Termine Gestern gab es bereits erste Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie . Heute sollen weitere folgen. In der Nacht zum Sonntag war die Friedenspflicht abgelaufen, nachdem Gewerkschaften und Arbeitgeber jeweils die Angebote der Gegenseite abgelehnt hatten. Im Tarifkonflikt geht es um die Gehälter von rund 3,7 Millionen Beschäftigten in der größten deutschen Industriebranche. Wahlniederlagen, miserable Umfragewerte und Dauerstreit in der Koalition: Die Ausgangslage für das Treffen von Kanzler Friedrich Merz mit Kreisvorsitzenden der CDU ist – gelinde gesagt – nicht günstig. An der Basis hat sich in den vergangenen Monaten viel Frust über die Bundespolitik angestaut. Es könnte für den Parteivorsitzenden daher unangenehm werden, wenn er mit den Kreisvorsitzenden im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin diskutiert. Angenehmer für den Kanzler dürfte dagegen dieser Termin werden: In Berlin treffen sich Regierungsvertreter, Experten und Tech-Unternehmer aus zahlreichen Ländern zu Beratungen über Chancen, Risiken und Auswirkungen von KI. Friedrich Merz will bei dem Digitalgipfel eine Rede halten. Lesetipps Endspurt im Wahlkampf für die US-Zwischenwahlen am Dienstag: Donald Trump trat am Samstag in Florida auf und hatte ein Heimspiel. Das dürfte ihm aber allerdings kaum helfen, schreibt David Schafbuch, der dabei war. Artikel lesen Neue Regeln, zusätzliche Kosten und Fristen: Im November gibt es einige Änderungen, die für Verbraucher wichtig sind. Welche, das erklärt Christine Holthoff. Artikel lesen Die Schreckensmeldungen beim FC Bayern reißen nicht ab: Vor dem Champions-League-Spiel bei Atlético Madrid werden die Sorgen immer größer, schreibt Julian Buhl. Artikel lesen Die Menschheit sah schon viele Anführer . Doch sind Einzelne tatsächlich in der Lage, die Geschichte zu beeinflussen? Der Universalgelehrte Jared Diamond hat darüber mit Marc von Lüpke gesprochen. Artikel lesen Ohrenschmaus Gegen die Mächtigen ankämpfen, nicht gehört, nicht gesehen werden: Ich denke da sofort an diesen wunderbaren Song von 4 Non Blondes . Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Start in die Woche. Morgen schreibt Ihnen Florian Harms wieder. Herzliche Grüße Ihre Heike Vowinkel Textchefin Mit Material von dpa.
