Xpeng L03 im Test: Elektrisches SUV-Coupé überzeugt nicht nur beim Preis
Xpeng ist in Deutschland noch recht frisch am Markt, tritt mit dem L03 aber erstaunlich selbstbewusst auf. Das SUV-Coupé zeigt bei der ersten Fahrt, dass der Preis nicht sein einziges starkes Argument ist. Wer in Deutschland als neue Automarke antritt, hat es selten leicht. Vertrauen wächst langsam, Werkstattnetze wachsen noch langsamer, und bei Elektroautos fragen viele Kunden ohnehin zweimal nach. Xpeng (sprich: Ix-Peng) ist allerdings auf einem guten Weg, den Massenmarkt zu erobern. Seit 2024 ist die Marke in Deutschland anzutreffen. In diesem Jahr sollen hierzulande rund 10.000 Autos verkauft werden, 2027 peilt die Marke 22.000 an. Dafür braucht es mehr als große SUVs mit viel Technik, die bislang das Portfolio der Chinesen prägten. Es braucht ein Auto, das preislich und vom Format her näher an den Alltag rückt. Diese Rolle soll der L03 übernehmen, ein elektrisches SUV-Coupé mit 4,65 Metern Länge in der Liga von VW ID.5, Skoda Enyaq, Tesla Model Y und BYD Sealion 7. Nur macht Xpeng beim Preis gleich eine Ansage: Los geht es bei 35.600 Euro – und da ist schon vieles an Bord. Design mit einem gewissen Wiedererkennungswert Optisch ist der L03 flach genug, um nicht klobig zu wirken. In der Seitenansicht lassen sich gewisse Anklänge an Porsche nicht ganz wegdiskutieren. Es gibt schlechtere Vorbilder. Die Front ist klar gezeichnet, das Heck ordentlich gestaltet, wenn auch etwas austauschbar. Wie bei vielen SUV-Coupés fehlt allerdings ein Detail: der Heckscheibenwischer. Viel Platz hinten, wenig Kofferraum Beim Raumangebot zeigt der L03 zwei Gesichter. Für die Passagiere ist reichlich Platz vorhanden. Vorn sitzt man bequem, hinten ist das Platzangebot ebenfalls erstaunlich großzügig. Der lange Radstand hilft, die Coupéform kostet weniger Kopffreiheit, als man zunächst vermuten könnte. Das serienmäßige Panoramadach passt zum luftigen Eindruck. Ein Rollo gibt es allerdings nicht. Der Kofferraum ist dagegen die deutlichste praktische Schwäche des Autos. 367 Liter sind für ein 4,65 Meter langes SUV-Coupé wenig. Klappt man die Rückbank um, werden daraus 1.131 Liter. Immerhin lässt sich die Lehne im Verhältnis 40:20:40 teilen. Auch unter dem Ladeboden findet sich kein üppiges Zusatzfach. Zwischen Rückbanklehne und Rollohalterung bleibt zudem eine recht große Lücke. Positiv sind allerdings die zusätzlichen Staufächer unter der Rücksitzbank. Vorn unter der Haube gibt es zusätzlich einen Frunk. Bei den heckgetriebenen Versionen fasst er 89 Liter, bei den Allradmodellen 44 Liter. Das hilft beim Verstauen des Ladekabels, ersetzt aber keinen großen Kofferraum. Innenraum: komfortabel, aufgeräumt, sehr digital Der Innenraum gehört zu den Stärken des L03. Schon serienmäßig sind die Vordersitze elektrisch einstellbar, beheizt und belüftet. Eine Lendenwirbelstütze ist ebenfalls dabei. Die Sitze sind bequem, der Gesamteindruck erinnert an eine Lounge. Die Materialien und die Verarbeitung machen einen guten Eindruck, viele der glatten Flächen sind weich unterschäumt. Xpeng bietet den Innenraum hell oder dunkel an – ob man einen hellen Innenraum in einem Alltagsauto wirklich will, ist wohl auch eine Frage des persönlichen Mutes – oder der Putzgewohnheiten. Das Cockpit ist stark reduziert. Viele klassische Schalter gibt es nicht. Stattdessen dominiert ein großer Zentralbildschirm, hinzu kommen ein digitales Fahrerdisplay und ein Head-up-Display. Das sieht modern aus, verlangt aber Eingewöhnung. Denn der L03 kann viel – und zeigt anfangs auch sehr viel. Menüs, Untermenüs, Einstellmöglichkeiten, Favoritenseiten: Wer gerne erst einmal alles konfiguriert, findet reichlich Spielraum. Wer einfach einsteigen und losfahren will, dürfte sich erst einmal sortieren müssen. Die Walze, die ihre Funktion ändert Besonders deutlich wird das an den Bedienelementen am Lenkrad. Die Drehwalzen übernehmen je nach Modus unterschiedliche Funktionen. Ein Beispiel: Ist der Tempomat aktiv, wird die Geschwindigkeit über die linke Walze geregelt. Bremst man und schaltet sich der Tempomat ab, dient dieselbe Walze plötzlich der Einstellung der Innenraumtemperatur. Temperatur statt Tempo. Xpeng versucht, vieles über die Konfiguration abzufangen. Es gibt Favoritenseiten, auf denen sich wichtige Funktionen wie Rekuperation oder Fahrmodus bündeln lassen. Auch die Sprachsteuerung kann viel. Sie versteht freie Sätze und ist nicht auf starre Kommandos angewiesen. Die Heckklappe lässt sich beispielsweise per Sprache öffnen oder schließen. Die Außenspiegel gehören allerdings zu den Dingen, die darüber nicht bedient werden können, sondern nur per Display. Das Auto verlangt also eine gewisse Technikbereitschaft. Software als Markenkern Xpeng betont stark, wie wichtig Software und Assistenzsysteme für die Marke sind. 40 Prozent der Mitarbeiter arbeiten in Forschung und Entwicklung, davon wiederum viele im Softwarebereich. Im L03 merkt man diesen Schwerpunkt. Die Darstellung des umliegenden Verkehrs im Display wirkt auf der Fahrt sehr zuverlässig. Besonders gelungen ist das Head-up-Display: Beim Spurwechsel wird ein farbiges Kamerabild eingeblendet. Das kennt man in dieser Form nur aus wenigen Autos. Weniger gelungen: Ist der Blinker bei einer mehrspurigen Autobahnabfahrt gesetzt, wird ein Kamerabild auch auf dem Zentraldisplay angezeigt, das sich bei ungünstiger Einstellung über die Navikarte legt. Xpeng spricht außerdem von umfangreichen Assistenzfunktionen bis hin zu Level 2++. Damit kann das Fahrzeug auf der Autobahn und zunehmend auch im komplexen Stadtverkehr eigenständig lenken, beschleunigen, bremsen, die Spur wechseln sowie Ampeln oder Kreisverkehre berücksichtigen. Die offizielle gesetzliche Freigabe soll Anfang 2027 erfolgen. Ähnliche Systeme bereiten auch Hersteller wie BMW oder Mercedes für ihre neuen Modelle vor. Die Assistenz konnte bei der Fahrt rund um Köln nicht umfassend getestet werden. Andere Kollegen berichteten bei früheren Fahrten, dass die Sprachsteuerung nach dem Aktivierungsbegriff "Hey Xpeng" nicht immer zuverlässig reagierte und die Verkehrszeichenerkennung sowie einzelne Assistenzfunktionen noch Feinschliff vertragen könnten. Komfort statt Krawall Beim Antrieb hält Xpeng die Auswahl übersichtlich. Die Basisversion RWD Standard Range fährt mit Heckantrieb, leistet 163 kW/222 PS und nutzt eine 58,2 Kilowattstunden große LFP-Batterie. Darüber steht der RWD Long Range ebenfalls mit Heckantrieb, 183 kW/249 PS und der größeren 71,1-kWh-Batterie. Wer Allrad will, bekommt ihn in den Versionen AWD Performance und AWD Performance Ultra. Beide nutzen zwei Elektromotoren, leisten zusammen 317 kW/431 PS und haben ebenfalls die größere Batterie an Bord. Die WLTP-Reichweiten liegen je nach Version bei 445, 520 oder 440 Kilometern. Zusätzlich plant Xpeng eine Version mit Range Extender. Dieser REEV genannte Antrieb kombiniert Batterie und Verbrennungsmotor als Stromgenerator. Laut Hersteller soll der L03 damit auf eine kombinierte Reichweite von bis zu 1.017 Kilometern kommen. Gefahren wurde die stärkste Version, der L03 AWD Performance Ultra. Der Sprint auf 100 km/h dauert laut Xpeng 4,5 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 180 km/h. Das klingt nach viel, und Leistung hat der L03 auch. Trotzdem wirkt er nicht wie ein Auto, das ständig beweisen will, wie schnell es ist. Der Schwerpunkt liegt klar auf Komfort. Das Fahrwerk ist weich abgestimmt, aber nicht schwammig. Die Lenkung ist angenehm direkt und besser gelungen als bei manchem chinesischen Wettbewerber. Das sowohl oben als auch unten stark abgeflachte Lenkrad ist Gewöhnungssache, vor allem dann, wenn stärkere Lenkbewegungen nötig sind. Allerdings kennt man das in milderer Form auch von den neuen VW-Modellen. Dazu passt das niedrige Geräuschniveau. Das ist auch bei einem Elektroauto nicht selbstverständlich, weil Wind- und Abrollgeräusche dann umso stärker auffallen. Hier bleibt der Gesamteindruck angenehm zurückhaltend. Laden: stärker als erwartet Geladen wird mit bis zu 193 kW bei der kleineren Batterie und bis zu 236 kW bei der größeren. Xpeng nennt für das Schnellladen von zehn auf 80 Prozent rund 20 Minuten. Beim Laden mit Wechselstrom sind bis zu elf kW möglich. Beim kurzen Ladestopp startete der L03 bei rund 30 Prozent Akkustand – ohne vorherige Akkuvorwärmung. In der Spitze standen 208 kW an, danach hielt sich die Ladeleistung stabil zwischen etwa 170 und 180 kW. Gerade weil der L03 nicht auf eine teurere 800-Volt-Architektur setzt, ist das ein wichtiger Punkt. Viel Serie, kurze Aufpreisliste Der L03 startet in Deutschland bei 35.600 Euro. Darüber liegen der Long Range ab 38.600 Euro, der AWD Performance ab 41.600 Euro und der gefahrene AWD Performance Ultra ab 46.600 Euro. Die Version mit Range Extender soll ebenfalls bei 38.600 Euro beginnen. Interessanter als die reine Preisliste ist die Ausstattungspolitik. Vieles, was anderswo schnell in Paketen verschwindet, ist beim L03 serienmäßig oder früh an Bord: Panoramadach, Wärmepumpe, elektrisch einstellbare und belüftete Vordersitze, Head-up-Display, induktives Laden, elektrische Heckklappe und zahlreiche Assistenzsysteme. Das Ultra-Modell legt vor allem bei Komfort- und Rechentechnik (für automatisiertes Fahren) nach. Fazit Der Xpeng L03 ist eine ernst zu nehmende Kampfansage an die etablierte Konkurrenz. Seine Stärken liegen nicht nur im Preis. Er bietet viel Ausstattung, hohen Fahrkomfort, gute Verarbeitung, starke Ladeleistung und einige Softwareideen, die im Alltag tatsächlich helfen können. Besonders das Head-up-Display mit Kamerabild beim Spurwechsel ist positiv zu bewerten. Die größten Schwächen: Der Kofferraum ist für die Fahrzeuggröße klein, zudem verlangt die Bedienung Eingewöhnung, weil Xpeng sehr viele Funktionen über Bildschirme, Menüs und mehrfach belegte Bedienelemente abbildet. Dennoch zeigt der L03, dass die Marke zunehmend Autos baut, die auch gut zu den Bedürfnissen des europäischen Marktes passen. Man muss nur bereit sein, sich auf viel Technik einzulassen.
